🌿 Fallgeschichte: Nicht die Spritze war das Problem

Als sie zu einem kompakten Coaching-Wochenende in Potsdam anreiste, hatte sie bereits zwei Jahre Psychotherapie hinter sich-
bisher ohne spürbare Veränderung.

Sie war eine hochsensible Frau, klug, reflektiert, offen für Hilfe — und trotzdem seit ihrer Kindheit in etwas gefangen, das sie selbst kaum verstand: Sobald sie eine Spritze sah oder Blut abgenommen werden sollte, geriet ihr ganzes System in Alarm. Nicht nur Unbehagen. Panik. Manchmal bis zur Ohnmacht.

Mehr als dreißig Jahre lang hatte sie mit dieser Angst gelebt.

Natürlich lag die Vermutung nahe, dass es „einfach“ um Blut und Spritzen ging.
So sah es ja aus.
So fühlte es sich an.

Und genau das war der Punkt, an dem die Logik täuschte.

Denn gerade bei hochsensiblen Menschen folgt eine emotionale Reaktion manchmal nicht der sichtbaren Oberfläche, sondern einer verborgenen inneren Verknüpfung. Das, was Angst auslöst, ist nicht immer das, was die Angst ursprünglich erzeugt hat.

In ihrem Fall waren Blut und Spritze nicht die eigentliche Ursache.
Sie waren nur der Auslöser.

Und genau hier wurde der Muskeltest zum Gamechanger.
Ohne diese Orientierung hätten wir an einem kompakten Wochenende vermutlich dort gearbeitet, wo der Alarm sichtbar war — nicht dort, wo er ursprünglich entstanden ist.

Im Laufe unserer Arbeit zeigte sich mit Hilfe des Muskeltests etwas völlig anderes:
Es tauchten zwei frühe Szenen auf, die für ihr Nervensystem wie „Startpunkte“ wirkten.

Szene 1: Der Schock mit drei Jahren

Sie war etwa drei Jahre alt. Zu Weihnachten hatte sie einen Arztkoffer bekommen. Ihr Vater wollte spielen, meinte es gut, schmierte sich Marmelade auf den Finger und rief nach Hilfe, als hätte er sich schlimm verletzt.

Für ein dreijähriges, hochsensibles Kind war das kein lustiger Einfall. Es war ein Schock.

Sie sah „Blut“.
Sie spürte Gefahr.
Und vor allem spürte sie eines: Ich kann Papa nicht helfen.

Diese Hilflosigkeit war für ihr Nervensystem zu viel. Etwas in ihr speicherte: Blut bedeutet Gefahr – und ich bin ausgeliefert.

Szene 2: Die Verstärkung in der ersten Klasse

Später kam in der Schulzeit eine Impfaktion dazu. Eine Schulkameradin schrie panisch: „Die Spritze ist abgebrochen!“
Als sie das hörte, fiel sie in Ohnmacht.

Damit bekam die alte Spur nicht nur neue Energie — sie bekam auch ein neues Etikett: die Spritze.

Von da an schien alles klar zu sein: Blutabnehmen und Spritzen seien eben ihr Problem.
Aber das stimmte nur halb.

Denn in Wahrheit reagierte ihr System nicht auf die Nadel selbst.
Es reagierte auf eine alte, unbewältigte Not: Überforderung, Alarm, das kindliche Gefühl: Etwas Schlimmes passiert — und ich bin hilflos und ohnmächtig ausgeliefert.

Genau das ist bei HSP so schwer zu verstehen:
Das Nervensystem reagiert oft hochlogisch — nur eben nicht nach der sichtbaren Alltagslogik, sondern nach der inneren Erlebnislogik.

Wer dann nur am Symptom arbeitet, arbeitet womöglich am falschen Ende:
Die Situation heute ist real — aber die Reaktion kommt aus einer viel älteren Verknüpfung.

Als wir nicht mehr gegen das Symptom arbeiteten, sondern die eigentlichen emotionalen Treiber mit bilateralen Augenbewegungen bearbeiteten (siehe „Arbeitsweise wingwave & EMDR“), veränderte sich etwas Grundsätzliches. Nicht durch Reden über Blutabnehmen und Spritzen. Nicht durch bloßes Aushalten. Sondern dadurch, dass das alte Erleben endlich dort verarbeitet wurde, wo es festhing.

Eine Woche später ging sie zum Blutabnehmen.
Skeptisch. Vorsichtig. Fast ungläubig.

Und danach berichtete sie etwas, das sie selbst kaum fassen konnte:
Sie blieb ruhig.
Sie spürte den Einstich. Natürlich.
Aber die Angst war nicht mehr da wie früher.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war eine Spritze für sie nur noch eine Spritze — und Blutabnehmen nur noch Blutabnehmen.

Die eigentliche Botschaft dieser Fallgeschichte lautet:
Gerade bei hochsensiblen Menschen ist das auffällige Symptom nicht immer die wahre Ursache. Manchmal ist es nur der sichtbare Auslöser einer viel älteren, tiefer gespeicherten Überforderung. Und genau deshalb folgt wirksame, traumasensible Begleitung bei HSP manchmal einer anderen Logik, als es von außen scheint.

Weiterführende Seiten:

 

Mehr erfahren warum HSP oft ein anderes Coaching brauchen
Wenn Sie sich fragen, warum Hochsensible trotz Einsicht oft „körperlich hängen bleiben“, finden Sie hier die innere Logik dahinter.
➡️ Button:Warum HSP oft ein anderes Coaching brauchen

Mehr erfahren wie der Muskeltest hilft
Wenn Sie sich fragen, wie man den Stresspunkt präzise finden kann — besonders, wenn nur wenig Zeit da ist. 
➡️ Button:: Warum der Körper schneller ist als der Verstand (Muskeltest)


Mehr erfahren über „Arbeitsweise wingwave & EMDR“
Wenn Sie mehr über die Arbeitsweise wissen wollen
➡️ Button: Arbeitsweise wingwave & EMDR

Hinweis: Diese Geschichte beschreibt einen konkreten Einzelfall, ist jedoch anonymisiert. Einzelne Motive können an reale Verläufe erinnern; Details wurden verändert, zusammengeführt oder verfremdet. Die Darstellung dient der Veranschaulichung und allgemeinen Orientierung. Sie enthält kein Heilversprechen und ersetzt weder eine individuelle Beratung noch eine psychotherapeutische oder medizinische Behandlung.

Mein Dank gilt dieser ersten Klientin von vor zehn Jahren bis heute. Diese Begegnung hat meine Arbeit geprägt und mir geholfen, hochsensible Erlebnislogik besser zu verstehen.
Reinhard Persdorf
wingwave-Coach und EMDR-Therapeut